Freiwillige Armut: Dorothy Day
Freiwillige Armut: Dorothy DayVon Dorothee Sölle Im Frühjahr 1972 fand in der Notre Dame University in den USA ein Gespräch zwischen zwei außerordentlichen Frauen des 20. Jahrhunderts statt. Beide schön in der Weisheit des Alters, beide engagiert für die Rechte aller Menschen, trafen sie sich in einem lebendigen und zugleich persönlichen Austausch. Es waren die jüdische Philosophin Hannah Arendt (1906-1975) und die katholische Radikale Dorothy Day (1897-1980). Ein Priester flüsterte beim Zuhören einem Freund zu: "Das sind Inkarnationen. … von intelligenter Güte und gütiger Intelligenz … Maria und Martha, die Schwestern in Bethanien!" Auf meiner Suche nach einer Tradition des Widerstands im 20. Jahrhundert bin ich immer wieder auf diese "intelligente Güte" einer mystisch denkenden und lebenden Frau gestoßen, die von vielen Menschen in den Vereinigten Staaten als die amerikanische Heilige des 20. Jahrhunderts angesehen wird, weil sie Frömmigkeit, Pazifismus und freiwillige Armut wie selbstverständlich miteinander verband. Dorothy Day hat Marthas tätiges, organisierendes Leben als Sozialreformerin, Agitatorin, Aktivistin in Streik und Boykott geführt und zugleich - nach ihrer Konversion - das Leben der Maria mit täglichem Besuch der Messe und Zeiten des Fastens, der Kontemplation und vieler Stunden im Gebet. Im katholischen Bereich gibt es eine tiefere Abneigung gegen den Glauben an Besitz und gar die Vorstellung, er sei das sichtbare Zeichen des Segens Gottes, als im calvinistischen Protestantismus. Sie reicht in die Vormoderne zurück und hat vielleicht deswegen einige Hoffnung im Bereich der Postmoderne für sich. Die Menschen, die sich um Dorothy Day und den "katholischen Arbeiter" scharten, haben Besitzlosigkeit und freiwillig gewählte Armut gelebt in einer Welt, in der Besitz als gutes Recht und das lebenslange Streben nach ihm als selbstverständlich gelten. Dorothy Day und ihre linken Freunde träumten den alten utopisch-sozialistischen Traum, "die neue Gesellschaft in der Schale der alten aufzubauen", wie die Industrial Workers of the World (IWW) es nannten. Sie wollten schon jetzt - und nicht erst nach einer revolutionären Machtübernahme! - ein anderes Leben verwirklichen, und weder die Gefahren der Slums der nordamerikanischen Städte noch die häufigen Aufenthalte im Gefängnis wegen des zivilen Ungehorsams, den sie "göttlichen Gehorsam" nannten, konnten sie davon abbringen. Im Frühjahr 1917 kam die neunzehnjährige Dorothy Day zum erstenmal ins Gefängnis, weil sie an einer Demonstration vor dem Weißen Haus gegen die Behandlung der Suffragetten, die das Stimmrecht für Frauen forderten, protestierte. Sie nahm dann im Gefängnis an einem Hungerstreik gegen die Behandlung der Frauen teil und geriet in eine tiefe Depression.
Einer der erstaunlichsten Züge im Leben von Dorothy Day war die an die franziskanische Tradition erinnernde Fähigkeit, sich mit anderen, gerade solchen, die uns Abscheu einflößen, zu identifizieren.
In den zwanziger Jahren gehörte sie zu der radikalen Bohemien-Szene von Greenwich Village in New York. Sie interviewte Trotzki für "The Call", eine kleine anarchistisch-sozialistische Zeitung, die ihr fünf Dollar pro Woche - was viele Fabrikarbeiterinnen damals bekamen - für ihre journalistische Tätigkeit zahlte. Sie war eine Trinkkumpanin von Eugene O’Neill, sie hatte verschiedene meist unglückliche Liebschaften, sie erlebte und beschrieb in einem Roman eine Abtreibung; der zugehörige Schriftsteller verließ sie mit dem Ratschlag, sich doch bald einen reichen Mann zum Heiraten zu besorgen. Sie folgte dem und verbrachte ein Jahr in Europa, dann ging die Ehe auseinander. In einer späteren Beziehung erlebte sie Schwangerschaft und Geburt ihrer Tochter als tiefes überwältigendes Glück. Für eine kommunistische Monatsschrift schrieb sie einen Aufsatz "Ein Kind bekommen", der so gut gefiel, dass er in Arbeiterzeitungen der ganzen Welt nachgedruckt wurde, auch in vielen sowjetischen Blättern. Kurz danach ließ sie sich, dreißigjährig, katholisch taufen; es bedeutete zugleich den Bruch mit ihrem tief respektierten anarchistisch-atheistischen Partner. Es war kein Zufall, dass sie nach der Geburt ihrer Tochter Tarnar zum Glauben kam. "Kein menschliches Geschöpf konnte eine so ungeheure Flut und Freude empfangen oder fest aufbewahren, wie ich sie oft nach der Geburt meines Kindes empfand. Zugleich kam damit das Bedürfnis, anzubeten und zu verehren", schrieb sie später in ihrer Biographie. In der Begegnung mit einem obdachlosen Landstreicher, der zugleich ein katholischer Philosoph und anarchistischer Sozialist war, kam es zur Gründung des "Catholic Worker", einer seit 1933 monatlich erscheinenden Zeitung, die bis heute für einen Penny zu haben ist. Peter Maurin, der radikale Personalist aus Frankreich, hatte die Vision von einer Sozialordnung, "in der es den Menschen leichter fiele, gut zu sein". Der "Worker" sollte radikal und katholisch zugleich sein, die katholische Soziallehre vertreten und für eine friedliche "grüne Revolution" eintreten. Hilfe für die Ärmsten, Gastfreundschaft für die Obdachlosen, ferner Suppenküchen und Bewusstseinsbildung, die "clarification of thought" genannt wurde, entwickelten sich. Die Freiwilligen, die in den sich rasch ausbreitenden Suppenküchen des "Catholic Worker" arbeiten, erbitten von Bäckereien und Lebensmittelhändlern Reste, Altgewordenes, Unverkäufliches und bereiten daraus eine Suppe für ihre zahlreichen Gäste. Diese sind Stadtstreicher, Obdachlose, psychisch oder geistig Gestörte, aus Anstalten Entlaufene und andere Menschen, die von der Gesellschaft aufgegeben worden sind und in vielen Fällen auch sich selber aufgegeben haben. Viele von ihnen sind Alkoholiker, die das Geld, das sie von der Fürsorge bekommen, in Alkohol oder anderen Drogen anlegen. Ihre einzige warme Mahlzeit am Tag ist, was sie in der Suppenküche erhalten. Als ich Ende der siebziger Jahre in der Lower East Side Manhattans zu Besuch war und mit vielen freiwilligen jungen Helfern Suppe ausgegeben habe, erheiterte es mich, dass nicht die Armen Schlange stehen mussten, sondern dass sie zu Tisch gebeten wurden und wir sie bedienten. Ich hatte ein langes Gespräch mit Dorothy Day, ständig unterbrochen von obdachlosen Frauen und einigen Männern. Die alte Frau Day erwähnte nebenbei, dass immer wieder Leute in ihr Zimmer kämen, dort eine Weile hausten, Sachen mitnähmen oder liegenließen. Der Verzicht auf Besitz, den sie lebte, schloss auch den Verzicht auf eine private Sphäre ein, und in diesem Sinn ist freiwillige Armut der Verzicht auf persönlichen Besitz an materiellen wie immateriellen Gütern. Eine Dimension dieser Armut ist es, im Dienst der Armen zu stehen. Den materiellen, geistigen und geistlichen Besitz mit andern zu teilen und vor allem das Wertvollste zu teilen, unsere Zeit, das gehört zu dem mystischen Verständnis von Armut; eine äußerst klare, Praxis gewordene Mystik. Was ist "freiwillige Armut"? In einem Artikel für den "Worker" erwähnt Dorothy Day die beiden Handtücher, die sie benutzt. Braucht man denn mehr? Zu viele Dinge machen, wie Thoreau sagte, das Leben überflüssig, sie ersticken uns. "Wir müssen sein, was wir von andern erwarten", ist einer der personalistischen Grundsätze der Leute vom "Catholic Worker". "Liebe von uns zu verlangen ist eine harte und schreckliche Sache", hat Dorothy Day oft, Dostojewskij zitierend, gesagt. Als ich ihr begegnete, hörte ich zufällig einen Wortwechsel, der eine dritte, mir unbekannte Person betraf. "Sie soll sogar ein Sparkonto haben", sagte die Partnerin mit Entsetzen in der Stimme, und Dorothy schüttelte traurig den Kopf. Dorothy Day war eine blendende Schreiberin, die jeweils von einem genau beobachteten Stück Wirklichkeit ausging und es dann langsam durchsichtig machte für die großen Zusammenhänge von Besitzgier, Unterdrückung der Armen und Klassenkampf von oben, bis zu Gefängnis und Krieg, die sie als Folge der beiden grundlegenden Mächte, Geld und Gewalt, ansah. Sie schrieb regelmäßig kleine Beiträge für den "Worker", die meistens mit einer Begegnung, einer Situation, einem Stück genau beobachteter, manchmal humorvoll, manchmal schneidend dargestellter Realität beginnen. In dem kleinen, alltäglichen, oft banal erscheinenden Faktum wird dann das Essentielle sichtbar gemacht. Es ist ein klassischer Journalismus, der im Besonderen das Allgemeine spiegelt und benennt. Einige dieser Kolumnen lesen sich wie Geschichten aus dem Evangelium: Sie sind ohne jede Sentimentalisierung oder Romantisierung der Armen und doch voller Wunder. Es ist ein Geist darin, der das Wunder an der nächsten Straßenecke erwartet - oder wenigstens vermisst. Dorothy Days politisches Engagement für die Sache der Ärmsten und ihre radikale Kritik an einem System, das auf Lohnarbeit, Gefängnis und Krieg aufgebaut ist, haben ihre Konversion vorbereitet. Sie hat danach nichts von ihrer Gesellschaftskritik zurückgenommen, vielmehr jede Gestalt, die Eigentumssucht und Besitzgier zu stabilisieren trachtet, erkannt, und ihr anderes Lebensthema, der Einsatz für den Frieden, steht in einem inneren Zusammenhang mit der Kritik am Besitz, der Waffen und Luftschutzübungen notwendig macht. Sie blieb anarchistisch und wurde dabei immer frömmer und immer radikaler. So haben sich zwei Themen in ihrem Leben herauskristallisiert: Armut und Pazifismus. Die Ungleichverteilung der Mittel zum Leben, die Privilegien und die Verelendung immer größerer Massen sowie die Folgen des Elends in Prostitution, Alkoholismus, Verrohung hatte Dorothy Day vielfach - im Krankenhaus als Pflegerin, im Gefängnis als Insassin, in den Slums als ihrem Wohnort - erlebt. Aber erst ihr Übertritt zum Katholizismus brachte sie dazu, ein altes sozialistisches - und christliches! - Ziel zu realisieren, nämlich "in der Welt, aber nicht von der Welt" zu sein oder das neue Leben schon in der Schale des alten zu verwirklichen. Wie weit diese freiwillige Armut gehen kann, habe ich aus einem interessanten, Dokument entnommen, dem Brief des "Catholic Worker" an den Schatzmeister der Stadt New York. Die Stadt hatte das Grundstück, auf dem das Haus der Gemeinschaft stand, wegen eines Subway-Baus enteignet. Zwei Drittel der Entschädigungssumme wurden im Voraus bezahlt. Die endgültige Abrechnung ließ anderthalb Jahre auf sich warten. Auf die restlichen 68 700 Dollar hatte die Stadt die üblichen Zinsen im Wert von 3579,39 Dollar mit überwiesen. Dorothy Day als Herausgeberin des "Catholic Worker" schrieb daraufhin im Juli 1960 an die Finanzbehörde.
Dorothy Day ist über Jahrzehnte hin vom FBI als Kommunistin beobachtet worden, vor allem nachdem sie eine Reise nach Kuba unternommen und positiv über Wohnungen, Gesundheit und Schulbildung berichtet hatte. Sie war nicht Kommunistin, weil ihr Anarchismus und ihre Religion es verboten, das andere Leben mit staatlicher Gewalt zu erzwingen. Ihre Philosophie lässt sich als Personalismus im Sinne Emanuelle Mouniers, Jacques Maritains und Martin Bubers beschreiben, und zugleich als christlich-kommunitaristisch. Das gemeinsame Leben in Verantwortung füreinander sollte die ordnenden und behütenden Elemente, die der Kapitalismus dem Markt unterwirft, ersetzen. Ihr Verhältnis zu Besitz und Besitzlosigkeit hat aber noch eine andere Wurzel, die ich mystisch nennen möchte im weiten Sinn einer "mystique vecue". Es ist nicht nur eine Art von frommer Selbstlosigkeit, die in der gelebten freiwilligen Armut erscheint. Das Freiwerden von jeder Form der Habgier gründet sich in dem Einssein mit Christus. Er ist es ja, der im Gesicht des Armen, der Prostituierten, des Kriminellen erscheint. Die Gegenwart Christi im Armen wird angenommen und verändert das Verhältnis zur Zeit; der Vorrang des jetzt vor aller planbaren und voraussagbaren Geschichte ist eine Folge der Orientierung am Sein, nicht am Haben. Was mich am tiefsten an Dorothy Day bewegt hat, habe ich erst nach ihrem Tode erfahren. Wie jeder Mensch, der nach Gerechtigkeit und Frieden hungert und dürstet, so geriet auch sie in Phasen der absoluten Erschöpfung, der Trauer, des Schmerzes. Das Wort "Verzweiflung" scheint mir nicht angemessen, aber sehr weit entfernt davon kann es nicht gewesen sein, was sie durchmachte. In diesen Zeiten, so wurde mir erzählt, habe sie sich zurückgezogen und geweint. Sie habe stundenlang, tagelang, ohne Gespräch, ohne Nahrung einfach dagesessen und geweint. Sie hat sich nie aus dem kämpferischen und aktiven Leben für die Ärmsten zurückgezogen, und sie hat nie aufgehört, den Krieg und die Kriegsvorbereitung als ein Verbrechen an den Ärmsten anzusehen. Aber sie weinte. Als ich das hörte, verstand ich etwas besser, was Gebet in der Mitte der Niederlage bedeutet; wie der Geist Menschen tröstet und zur Wahrheit führt, wobei eines nicht auf Kosten des andern geht und der Trost nicht mit dem Verzicht auf Wahrheit gekauft werden kann. Dass Dorothy Day tagelang weinte, bedeutet Trost und Untröstlichkeit zugleich. Sie wusste schon, warum sie, Teresa von Avila zitierend, so gern sagte: "Der ganze Weg zum Himmel ist Himmel." Quelle: Aus: Sölle, Dorothee: Mystik und Widerstand. Du stilles Geschrei. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg, 1997. Wir veröffentlichen diesen Text mit freundlicher Genehmigung des Hoffmann und Campe Verlags.Copyright © 2007 by Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg.
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